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Handwerkliche Kreativität vs. Beherrschung von Tools

"be split", Anette Maro
"be split", Anette Maro

Ursprüngliche Malerei

Als handwerkliche Malerin arbeite ich mit Farben, Pinseln, Spachteln, Lacken, unterschiedlichen Techniken, auf Leinwand, auf Papier, Holz… Jeder Effekt, jede Wirkung wird tatsächlich von Hand ausgeführt, vielmehr herbeigeführt. Kunst als Entstehungsprozess zu erleben und zu verstehen ist meine Intension hinter der Malerei. Der Ausdruck einer innerlichen Emotion durch eine äußerliche Handlung wird zum Bild. Kreation und Idee wird haptisch und real wahrnehmbar in eine Momentaufnahme umgesetzt. Die tatsächliche Auseinandersetzung mit den Elementen ist primär.

Die Wirkung von Schwarzweiß oder Farbe, die Dicke eines Schattens, die Anmutung von Strukturen, Haptik oder Stofflichkeiten – alles eine Frage der Wahrnehmung, des Ausdrucks und der Frage nach dem Warum: Wirkt das Bild weich oder bedrohlich, friedlich oder aufgeregt, welche Wirkung hat welche Technik, welche Farbe schafft welche Emotion, was muss meine Hand tun, wie muss die Farbe gemischt sein, der Pinsel oder Spachtel gehalten werden, um eine bestimmte Wirkung zu erreichen. Und letztendlich gipfelt dies im Akt der Produktion basierend auf Umsetzungsidee, Stilistik und Handfertigkeit oder ausbrechender Expression. Dann führt die Emotion die Hand.

 

Verlust des handwerklichen Arbeitsprozesses

Im Zuge der Digitalisierung hat sich diese freie, fast körperliche Kreativität verändert. Der Ausdruck von Kreativität ist massentauglich geworden, da ein Handwerk nicht mehr Voraussetzung ist. Es ist eine neue Art von Kreativität, die populär ist, da sie einfacher Verständnis und Effekt bringt und Menschen ohne handwerkliches Potential oder Interesse eine Plattform für ihre Darstellungen zur Verfügung stellt.

Ich arbeite auch mit dem Stift in der Hand digital am Grafiktablett. Ich skizziere und sammle Ideen, erschaffe Vorlagen, um sie später auf der Leinwand umsetzen zu können. Das spart mir Papier, macht die Archivierung leichter und eröffnet eine Palette von einfacheren Korrekturmöglichkeiten und Bearbeitungen. Ich meine hier zum Beispiel das rückstandsfreie Radieren, das einfache Verändern von Größen ohne neu beginnen zu müssen. Somit ist auch das schnellere Richtigstellen oder Ausprobieren von Perspektiven und Verhältnissen möglich. Bis zu diesem Punkt bleibt der Arbeitsprozess zwischen digitalem und „analogem“ Handwerk noch relativ gleich.

Aber es ist nur ein schleichender Übergang bis zu dem Punkt, wo man die handwerkliche Note plötzlich verliert. Dann setzt man ein Plugin oder ein Tool ein, einen Effekt, der, den mit Reglern in Größe, Farbe und Form einstellbaren Schatten auslöst. Oder lässt zum Beispiel ein Foto komplett mit einem Filter der Anmutung „Retro“ überziehen oder wandelt sie durch einen Klick in ein Aquarell oder eine Strichzeichnung. Das Ergebnis kann die gleiche Wirkung haben, doch der kreative und handwerkliche Prozess fehlt. In der digitalen Kunstwelt basiert das Werk, nicht auf der Kreation und der Beschäftigung mit Wirkung und Technik von Materialien, sondern auf dem Wissen, welches Tool gibt es und hat welchen Effekt. Eine unendliche Menge von Effekten und beeindruckenden Wirkungsweisen stehen einem plötzlich zur Verfügung und sind mit EINEM Klick umsetzbar. Der Unterschied in der Kreation  liegt in der Herangehensweise und Umsetzung. Weiß man noch wie die Wirkung herbeigeführt wird oder weiß man, welcher Klick einen Effekt auslöst? Ist das noch kreativ? Es ist eine andere Form der Kreativität, eine technische. Man tauscht handwerkliches Wissen um Materialien, Farbgebung und Komposition und deren Umsetzung gegen eine abrufbare Bibliothek aus Effekten, Plugins und Tools, die das umsetzen, was man bewirken möchte. Ohne Zweifel setzt dies ein nicht minder arbeitsreiches Studium über vorhandene Möglichkeiten voraus. Ob das Ergebnis dann noch Kunst ist, bleibt eine Frage der Betrachtungsweise. Wie immer."

Einfache Blumen – Digitaler Effekt oder ursprünglich gemalt?
Einfache Blumen – Digitaler Effekt oder ursprünglich gemalt?

Die Digitalisierung schafft neue Kunstformen, fordert aber auch tiefere Betrachtungsweisen

Die Wirkung für Kunstbetrachter digitaler als auch ursprünglicher Kunstwerke kann gleich sein, vor allem für Unwissende der dahinterliegenden Prozesse. So kann die digitale Erschaffung einer realistisch anmutenden Phantasiewelt so perfekt und beeindruckend wirken, ohne dass die ursprüngliche Kreativität und Handwerksarbeit zum Einsatz kommt. Eine ähnliche Entwicklung gab es bereits im letzten Jahrhundert mit der Entdeckung der Fotografie. Die realistische Darstellung eines Moments konnte plötzlich mit einem Knopfdruck festgehalten werden. Ein Maler war, was diesen Bereich der bildnerischen Kunst betrifft, nicht mehr existenziell. Dies ist definitiv eine Ursache, warum sich die Malerei unter Matisse, Van Gogh, Picasso, Miró und vielen anderen zur immer größeren Abstraktion in der Darstellung hinwandte. 

 

Fazit: Digitale Kunst ist kein Umgang mit Elementen und Materialien, sondern die Beherrschung von Wissen, bereitgestellt von wahren Meistern. Menschen, die sowohl die reale Beschaffenheit von Formen, Farben, Strukturen, als auch Perspektiven und Kompositionen verstanden und daraus die digitale Bibliothek der Effekte erschaffen haben. Dennoch bleiben die unendlichen Techniken der ursprünglichen Malerei und ihre schöpferischen Werke Bestandteil unserer immer vielfältiger werdenden Kunstkultur. Und sollten es auch. Denn die Entstehungsprozesse solcher Bilder sind einzigartig und schwerer kopierbar im Gegensatz zu digitaler Kunst. Denn es ist nicht ein profaner Klick, der die Wirkung erschaffen hat, sondern eine individuelle Handbewegung.

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Kommentare: 2
  • #1

    W.Winnersbach Architekt Stadtplaner D (Montag, 09 März 2020 20:48)

    Denn die Entstehungsprozesse solcher Bilder sind einzigartig und schwerer kopierbar im Gegensatz zu digitaler Kunst. Denn es ist nicht ein profaner Klick, der die Wirkung erschaffen hat, sondern eine individuelle Handbewegung.
    Das ist ein großer Irrtum:
    denn der Entstehungsprozess der digitalen Kunst ist noch schwerer darzustellen als ein analoges Bild WWinnersbach

  • #2

    Manja Seidel (Dienstag, 10 März 2020 09:09)

    Ich spreche der digitalen Kunst in keiner Weise ihren ebenso schwierigen Entstehungsprozess ab. Aber hier steht in erster Linie nicht handwerkliches (körperliches) Können im Vordergrund, sondern eine Kopfleistung. Der Unterschied zwischen digitaler Produktion und "analoger" Bildkunst liegt in der Auflösung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit. Ob die Darstellung digitaler Bilder tatsächlich schwieriger ist, wage ich aber zu bezweifeln. Eben anders:-)