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Gesichtserkennung als I-Tüpfelchen der Datenerfassung ist nur eine weitere Entwicklungsstufe der Menschheit, mit dem sie klar kommen muss

Ich stehe dem Diskurs „Digitale Gesichtserkennung“ zwiespältig gegenüber. Wie alles im Leben hat auch diese Thematik im Zusammenhang mit dem Schutz der Privatsphäre eine positive und eine sehr bedenkliche Seite. Für die Verbrechensbekämpfung oder auch für viele Bereiche der Forschung ist sie ohne Frage eine immense Erleichterung. Daten, die im Sinne des guten Zwecks gesammelt werden, d.h. zur Lösung oder zur Verhinderung einer gesellschaftsgefährdenden Entwicklung oder eines illegalen Verhaltens, sind meiner Meinung nach ein zu begrüßender Fortschritt.

Auf der anderen Seite ist die unvermeidbare „Kollateraldatensammlung“ , die damit einher geht, schwierig zu regeln. Die digitale Gesichtserkennung ist nur ein weiterer Teil zur Vollendung der allgemeinen Datenerfassung, der Entwicklung zum transparenten Menschen. Wozu dient eine Gesichtserkennung? Zur Identifikation – die Zuordnung einer Tat zu einem Menschen. Wen will man identifizieren? Jemand, der eine Straftat begeht. Dazu ist Verbrechensaufklärung da.

Oder will man ganz nebenbei von jemanden wissen, ob er bestimmte Produkte kaufen würde, für einen Job geeignet ist, wieviel Geld er besitzt oder in einen Verein passt? Ist das noch gut? Geht es jemanden etwas an, was man tut, ist, meint oder besitzt, solange es in den gesetzlichen Rahmenbedingungen bleibt? Spielt es überhaupt eine Rolle, ob man über bestimmtes Wissen verfügt, was man auf dem üblichen Wege nicht oder schwierig erhalten hätte?

Ein fiktives, etwas harmloseres Beispiel zur Veranschaulichung:

Man bewerbt sich bei einer Firma und hält sich an das übliche Prozedere der eigenen Stärken- und Qualifikationspräsentation. Der Gegenüber prüft danach über Gesichtserkennungstools und andere Datensammlungssoftware, welche Fakten und Hintergründe zur bewerbenden Person noch ausfindig zu machen sind. Er stellt dabei fest: Diese wählt nicht seine bevorzugte Partei, hat vier Kinder, ist dreimal geschieden, besitzt zweitausend Euro auf dem Konto und geht jeden Morgen mit seinem parkverunreinigendem Hund eine Stunde im lilapinken Outfit joggen.

Jedes dieser Details wägt er subjektiv ab und befindet darauf basierend, der Bewerber ist nicht geeignet für den Job und schreibt eine Absage.

Ohne das Wissen dieser Details wäre die Entscheidung lediglich basierend auf der Qualifikation und der präsentierten Persönlichkeit vor Ort positiv ausgefallen. Ist das nun im Endeffekt gut oder schlecht? Hätten sich die privaten Ansichten, Verhältnisse und Präferenzen nicht irgendwann in dieser Anstellung so oder so „geoutet“? Und wäre das nicht letztendlich über kurz oder lang die Ursache für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses gewesen, wenn der Arbeitgeber von Anfang an diesen Punkten kritisch gegenüber stand?

Das auf digitaler Ebene erworbene Wissen ändert nicht das Ergebnis. Nur der Zeitpunkt, wann es eintrifft, wird vorgezogen. Somit lässt sich darüber philosophieren, ob das gut oder schlecht für den Bewerber ist. Vom negativen Standpunkt aus betrachtet, bekommt er den Job nicht. Positiv gesehen, spart sich der Bewerber ein unerfülltes Arbeitsverhältnis und kann in einem für ihn passenderen Job Zeit investieren.

Dürfen subjektive Kriterien bei einer Bewerbung eine Rolle spielen? Ist es überhaupt realistisch zu glauben, dass Menschen eine rein faktische, objektive Entscheidung in so einem Fall treffen können.

Jegliche Form von Datenerfassung, hier gehört die Gesichtserkennung dazu, legt Eigenschaften und Verhaltensweisen eines Menschens offen. Man sollte sich die Frage stellen, warum bei bestimmten Punkten diese Offenlegung nicht gewünscht wird? Beeinflussen diese Daten Entscheidungen und Handlungsweisen, die einem selbst wirklich so viel schaden? Und wenn ja, warum? Gilt der Ausspruch: „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu verlieren.“?

 

Meiner Meinung nach ist die große Gefahr für unsere Gesellschaft die Zweckentfremdung der Datenerfassung: Dient diese nicht mehr der Lösung von Verbrechen oder der Schaffung von gesellschaftsverbessernden Maßnahmen ist der tatsächliche Grund Profitgier, Bevorteilung und Willkür. Und diese ethische Herausforderung ist doch schon immer das Problem aller menschlich verursachten Fortschritte und Entwicklungen. Und die globale Digitalisierung mit ihren technischen Möglichkeiten ist nur eine weitere davon.

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