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Tote im Bad

Das Letzte, was sie sah, waren ihre eigenen Augen, die sich in der blanken Keramik der Badewanne widerspiegelten. Traurig und entsetzt blickten sie ihr entgegen. Fast erleichtert in dem letzten Augenblick, bevor der Schmerz nachließ. Danach schlossen sich diese Augen für immer.

Claire eilte durch die Zimmer. Der Morgen war hell, die Sonne lag leicht in der Luft und tat dem Gemüt gut. Doch leider zeigte sie auch umso deutlicher die Schmutzspuren, die sie noch beseitigen musste. Seit fünf Jahren arbeitete Sie für die alte Dame Dandrich. Claire mochte die Dandrich nicht, auch wenn sie sich nie inkorrekt ihr gegenüber verhalten hatte. Sie war weder eine besonders harte Arbeitgeberin, noch unfreundlich. Sie verlangte auch nicht zu viel oder ließ Clare spüren, dass sie ihre Putzfrau war.

Trotzdem war Dandrich eigenartig. Vielleicht war es dieses nicht greifbare Wesen, das selbst nach fünf Jahren, das heißt nach mehr als zweihundertfünfzig Putzeinsätzen, nicht mehr verriet als am ersten Tag. 

Noch hatte Claire das Badezimmer vor sich. Diesen Raum hasste sie am meisten beim Putzen. Daher kam es immer zum Schluss, in der irren Hoffnung, dass wie durch ein Wunder, dieser Raum nicht mehr existent wäre. Als sie es öffnete, roch Claire einen seltsamen Geruch. In der schlimmen Vorahnung, dass es heute noch mehr Arbeit als sonst werden würde, seufzte sie und trat ein. Im ersten Moment nahm sie die tote Dandrich gar nicht wahr, sah den Leichnam als aufzuräumende Wäsche. Doch dann stockte Claire der Atem, das Herz blieb ihr fast stehen. Ganz langsam ging sie rückwärts zur Tür hinaus. Das rostbraun gewordene Blut auf den Fliesen, die verkrampfte Haltung der Toten, der starre Blick – alles ließ keinen Zweifel am Ableben der Dandrich. Und doch schien es unwirklich und ließ Claire erstaunend innehalten. `Die Dandrich? Warum sollte man die umbringen? Was hatte die zu verbergen?`ging Claire durch den Kopf. Und gleichzeitig hatte sie das Gefühl, mit diesem abrupten Tod der Dandrich genau das bestätigt zu bekommen, was sie immer gestört hatte an ihr. Aber was das war – davon hatte Claire keine Ahnung. Wie lange sie so stand, konnte sie hinterher nicht mehr sagen. Als Ihr Geist wieder funktionierte, wenn auch nur im seltsamen Dämmermodus, lief Sie in die Diele ans Telefon und wählte die 112.

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