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Sushi in der Hosentasche

Auf der Bordsteinkante stand mein Bier. Wahnsinnig weit weg für jemanden, dem gerade das Hirn voll Kokosnüsse baumelte. Die letzten drei B52s waren vielleicht doch nicht ganz das Richtige, um nach zehn Gin Tonics und zwei Flaschen Wein wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Doch es hörte sich so gut an, als Sylvie davon schwärmte, wie sehr dieses Gesöff den Geist öffnete. Wie sehr man dann offen für alle Welt wäre, und so weit weg von Problemen. Ich gebe zu, ich glaubte das sowieso nicht und mir war es egal. Aber ich hoffte, dass Sylvie bei der ganzen Trinkerei auch mir gegenüber ganz offen werden würde, und für mich seit langem Mal wieder eine Nacht zu zweit in Aussicht stand. Ein warmes Bett, ein paar warme weibliche Schenkel, die sich um mich schmiegen würden, und total selbstlos meine eigene Begierde nach banalem Sex und körperlicher Zweisamkeit befriedigen würden. Doch statt Ihr Geist offener wurde, wurde meiner so flockenlocker, dass mich nicht einmal mehr die Stuhlkante hielt, ich scheppernd laut vom Sitz unter den Tisch rutschte und mir unter dem Gelächter der anderen Kneipengänger, das Kinn aufschlug und wutentbrannt loslallte:

„Wer hatsss s´dsiesem sversdammtsen Stüsch än Schobb in ´ner Kneipe gegebsen! Das muss sdoch ein tsotal hirnsverbranntser brachsial fehlsbesetzter Schpersonalidiot sgewesen sssein! So ´ne Lusche…scheiss tüsssch!“

Sylvie rückte nun dezent weg von mir, und verschwand auf der Toilette. Der Barkeeper schaute mich an und sagte langsam, aber sehr deutlich: „Der gleiche Idiot, der dich jetzt vor die Tür setzt.“ Dabei packte er mich unerbittlich am Arm, zog mich vom Boden hoch, und schob mich vor den Eingang.

 

Nun sprach ich mit meiner Flasche Bier auf der Bordsteinkante, welche doch bitte ein bisschen näher rücken sollte, damit meine mittlerweile stark motorisch gestörten Finger den Flaschenhals erreichen konnten.  Doch auch die weigerte sich mir beizustehen. Außerdem standen da jetzt zwei, manchmal auch drei Flaschen und ich wusste nicht mehr, was meine war. Da bin ich eigen, wer weiß, wer aus der anderen getrunken hatte.

Vielleicht aber war sie auch eifersüchtig auf die Kokosnüsse in meinem Kopf, und dachte, da hab ich sowieso keinen Platz mehr`. Und da hatte die Flasche wahrscheinlich Recht.

Also schwankte ich, nicht ohne vorher ganz gezielt meiner Flasche Bier mit herablassend geringschätzigen Blick den Satz: „Gutss, dsann bleibs dsu halts alleinse hier!“ vorzuwerfen, die dunkle Straße hinunter. Es war kaum vier Uhr früh. Glücklicherweise war Sommer. Ich fror also nicht, und war nur betrübt über die zurückhaltende Hilfe meiner Freunde. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob überhaupt jemand in der Kneipe von denen anwesend  war. Vielleicht hätte ich den Leuten am Tisch nicht gleich nach der zweiten Flasche Wein erzählen sollen, dass sie ganz gewaltig fehl in der Annahme lägen, dass sie irgendeinen Nutzen auf dieser Welt erfüllten. Das sie außer faul da sitzen und trinken im Gegensatz zu mir ja wohl nichts könnten, was von Bedeutung wäre. Ich allein wisse, worum es ginge.

Nach dieser Äußerung war es mal kurz still am Tisch. Ich glaube, die mussten erst einmal darüber nachdenken, was ich Schwerwiegendes gesagt hatte. Es ist ja auch nicht ganz so leichte Kost gewesen. Ich hätte es mit mehr Feingefühl und vielleicht auch etwas einfacher formulieren müssen. Zum Beispiel: “ Ihr seid nichts wert! Aber das ist nicht schlimm.“ Dann hätten Sie es bestimmt verstanden. Während ich weiter nach Hause taumelte, nahm ich mir fest vor, das morgen noch mal in aller Ruhe mit der Runde zu diskutieren. Ich schrieb mir sogar in mein zerfleddertes altes Notizbuch, dass ich ein Lob oder etwas anderes Positives einflechten müsse, damit diese Feststellung nicht zu sehr am Selbstbewusstsein der anderen nagte. Also musste mein Ansatz lauten:

 

„Ihr seid nichts wert! Das ist aber nicht schlimm – ich hab euch trotzdem lieb.“ Ich war tief beeindruckt von meiner eigenen Kritikfähigkeit. Ich glaube, das gibt Gruppenknuddeln und vielleicht doch noch eine Nacht mit der schönen B52-Sylvie.

 

(anette maro)

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Kommentare: 1
  • #1

    Tilman Seidel (Samstag, 06 Juli 2019 18:55)

    baumelnde Kokosnüsse im Kopf ... Super! Erfahrungswerte?