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Kein Vorher, kein Nachher

Die Halle ist riesengroß. Ihre roten Ziegelsteinwände ragen unverziert mindestens vierzehn Meter in die Höhe. Nur ab und zu fällt seltsam dumpfes Licht durch gerade Fenster und geben deren Kreuze als Schatten wider. Das Ende der Halle ist nur spürbar, aber nicht wirklich zu sehen, ebenso wie die Decke, deren Stahlträger wie ein surreales Spinnennetz über mir liegen. Der Boden – eben und staubig. Die Halle ist in ihrer ganzen Größe leer. Ein Ort, der einem nur das eine Gefühl vermittelt: absolutes Alleinsein.

Ich weiß nicht, wie ich hier hergekommen bin. Ich habe keine Erinnerung an gestern, keinen Gedanken für morgen. Ich stehe einfach in dieser Halle und höre eine Stimme, die über mir zu schweben scheint. Nicht laut und doch überall präsent. Gleichgültig, ob ich einen Schritt nach vorn gehe oder zur Seite. Sie bleibt immer gleich stark, gleich monoton und ihr Ursprung ist zwischen den roten Ziegeln nicht auszumachen. Sie zählt bis zehn. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn. Und dann beginnt Sie wieder am Anfang. Die Zahlen werden langsam ausgesprochen, fast gedehnt und meist mit dem gleichen Schweigeabstand dazwischen. Nur manchmal scheint die Stimme zu überlegen, welche Zahl als nächstes kommt.

Ich versuche dem Ganzen einen Sinn zu geben. Eine große, leere Halle aus Ziegelsteinen, gedämpftes Licht und ein monotoner Klangteppich aus Zahlen. Da es kein Gestern und kein Morgen für mich gibt, waren es meine ersten Erfahrungen, meine ersten Erlebnisse, die ich bewusst aufnahm. Ich habe keine Angst, kein Gefühl dafür, ob es etwas Gutes oder Schlechtes ist, ob es eine Bedeutung hat oder nur ein nichtiges Detail.

Nur die Stimme erregt meine Neugier. Ich frage mich, warum sie zählt? Und warum nur bis zehn und warum sie immer wieder neu beginnt? Es konnte kein Countdown sein. Das würde das Ablaufen einer Zeit bedeuten. Doch hier passiert nichts. Keine Konsequenz nach der letzten Zahl, nur dass die Stimme wieder mit eins beginnt.

In meinem Rücken ein paar Meter hinter mir befindet sich eine Tür, von der ich nicht weiß, ob ich dort hereingekommen bin, noch was außerhalb der Tür ist. Ich drehe mich um, nur um mich zu vergewissern, ob tatsächlich eine Tür noch vorhanden ist. Es gibt eine. Sie ist geschlossen und scheint es schon lange zu sein. Doch ich entdecke während des Zurückblickens etwas anderes. Auf dem Boden liegen alte Spielzeuge.

Ein hellgrüner Teddybär mit verblasstem Plastikgesicht, Kreidebausteine in Rosa und Weiß - zum Teil zerbrochen und rund geworden. Ein mit Aufklebern bestücktes Köfferchen, welches offen steht. Es liegen kleine Indianer, Cowboys, Tiere und andere Kleinteile darin. Ein Heftchen, verschiedene Bücher - manchmal ist der Buchrücken nur noch ein Pflasterstreifen, auf dem man mit dickem Filzstift den Titel übertragen hatte. Ich lese „Der himmelblaue Boy“ oder „Urfins Holzsoldaten“. Es liegen noch viele andere Sachen herum, alle zu einem losen Haufen zusammen geschoben. Zu ordentlich, als dass sie jemand ausgekippt hätte. Zu durcheinander, um ein System darin finden zu können.

Und über allem, dem Teddybären, dem Köfferchen, den Büchern lag die Erosion der Zeit. Ich kann förmlich riechen, wie jedes einzelne Teil irgendwann einmal ausgewählt wurde, um auf den Dachboden getragen zu werden, um dort ein wartendes Dasein zu beginnen. Zu lieb gewonnen, um es wegzuwerfen. Zu langweilig, um es bei sich in der Nähe zu behalten. Ich berühre nichts, sehe es mir nur aus der Distanz an. Der Haufen vergangener Spielsachen strahlt eine seltsame Würde aus, die mich aus Achtung nichts anfassen lässt. Als flüstert eine Stimme aus ihm heraus: „ Das ist meins, mach es nicht kaputt, es ist meins.“ Ich respektiere diesen Besitzanspruch und blicke wieder nach vorn.

Plötzlich sehe ich einen kleinen quadratischen Tisch aus dunklem Holz, geradbeinig ohne Schnörkel. Er steht genau in einem der Lichttrapeze der Fenster, fast zwanzig Meter vor mir. Und gerade als die Zählerstimme wieder eine längere Pause einlegt, sehe ich den Schatten einer Person aufflackern. Sie erzählt etwas, gestikuliert an diesem kleinen Tisch, aber scheint mich in keiner Weise wahrzunehmen. Und als die nächste Zahl durch die Halle klingt, ist sie wieder verschwunden.

Ich trete näher an den Tisch und warte. … Zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, eins, zwei, drei, … wieder eine Pause auf der Suche nach der nächsten Zahl. Eine neue Person erscheint wie aus dem Nebel, läuft zum Tisch, legt etwas darauf und scheint mit sich selbst zu sprechen. Doch bevor ich etwas verstehen kann, höre ich schon wieder die monotone Zählerstimme: „ …vier, fünf, sechs, sieben, acht, …“, und die Person ist ebenso schnell verschwunden wie die erste. Der Tisch war leer.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Tilman Seidel (Samstag, 06 Juli 2019 18:54)

    Ich würde sehr gern weiter lesen!