· 

Auszug Reisetagebuch Thailand: Angriff der Killerameisen!

Solch panische Angst hatte ich lange nicht mehr gefühlt. Auch die zweite Nacht in meinem Quartier verlief miserabel. Am Anfang war nichts und ich hatte mich gefreut. Wahrscheinlich wollten die mich gestern alle nur willkommen heißen und nun wissen diese riesigen Krabbeltiere Bescheid und lassen mich in Ruhe. Doch dann…

Doch dann entdeckte ich an der mir gegenüber liegenden Wand vom Bett aus gesehen eine Spur von Ameisen, die langsam von der Decke herunterkamen.

„Gut“ dachte ich, „dort über dem Schreibtisch - macht mir nichts, die werden schon bis morgen früh nicht bei mir aufgetaucht sein. Zur Ablenkung las ich in meinem Buch weiter, schielte nur ab und zu über den Buchrand, ob der Sicherheitsabstand gewahrt blieb. Doch dann entdeckte ich an der Wand über dem Schrank eine zweite Ameisenkarawane, die sich gerade Ihren Pfad in meine Richtung aufbaute. Man konnte zuschauen, wie ein kleiner Trupp voranging und dahinter viele andere zunächst unkoordiniert, dann aber immer geradliniger folgten. Das war mir nicht geheuer. Zumal mir Li erzählt hatte, das Ameisen hier alles riechen - jedes Pixel nach eventuell Essbarem! - Und warum auch immer, finden sie den Geruch der weiblichen Menstruation anziehend. Sams* Geschichte, der vor Jahren mit seiner Exfrau in einem Bett voller Ameisen aufwachte, ging mir durch den Kopf. Ich bekam Angst. Doch nicht so, dass es mich gleich aus den Federn trieb. Sie waren mit Ihrem Pfad erst in der Hälfte des Zimmers angelangt. Meine Angst nach draußen zugehen in die absolute Finsternis, wo man die eigene Hand vor den Augen nicht sieht, um das Ameisen-Kampfspray zu holen, war noch größer. Es sind zwar kaum dreihundert Meter bis zur Lodge, doch immer sind diese freilaufenden Hunde da. Sie fangen sofort an zu kläffen, zu knurren und kommen angerannt. Zwar hatte man mir erzählt, dass die nie beißen würden, doch so sicher war ich mir da nicht. Ich pendelte also zwischen der Angst vor den Ameisen und der Angst vor der dunklen nordthailändischen Nacht. Und während ich darüber nachdachte, richtete sich mein Blick an die Decke und schweifte dann langsam an die Wand direkt ans Kopfende über mir… Ich stand senkrecht im Bett! Die ganze Wand war voll wuselnder Punkte – schwarz und krabbelnd, genauso wie die Wand direkt neben mir, keine 30 Zentimeter von mir entfernt – ein großer schwarzer Ameisenteppich. Die ursprüngliche Wandfarbe war kaum zu sehen. Ich spürte wie ich vor Angst zitterte. Ich zog mich an, ohne die Augen von diesem monströsen Vielfachwesen abzuwenden,nahm meine kleine Kugelschreibertaschenlampe (Wahnsinns-Lichtkegel!) und holte tief Luft. Ich dachte an draußen, ich dachte daran, dass ich für meinen ersten Ritt auf einem Elefanten ausgeschlafen sein wollte, an die Hunde, an meine Regel, die ich tatsächlich gerade hatte und sah mich mit diesem Viehzeug in meinem Bett. Ich trat zur Zimmertür heraus und stand im dunklen Laden von Mae Sí  - allein das flößte mir ungeheure Angst ein. Man sah kaum etwas, nur schemenhafte Umrisse, die am Boden standen oder von der Decke hingen und zum Teil streiften die herunterhängenden Sachen meine Schultern. Mich schüttelte es. Ich wollte nur noch raus hier. Die Taschenlampe half mir nicht wirklich, meine Angst zu vertreiben; doch ich wollte nicht „be-ameist“ werden. Also trat ich durch den Hinterhof auf die Straße. Ich freute mich schon, dass die Hunde des Hauses anscheinend fern waren und ging weiter. Doch dann kam es, wie ich es erwartet hatte. Es knurrte tief und böse hinter mir. Erst einer, dann zwei, dann mehrere Köter, die mir hinterherliefen oder entgegentraten. Ich zitterte ohne Ende und setzte einfach einen Schritt nach dem anderen immer geradeaus weiter. Sie bellten und knurrten, ihre gelblichen Zähne demonstrierend und kamen bis auf dreißig Zentimeter an mich heran. Endlich erreichte ich das Tor der Company-Lodge. Ich hoffte, das Küchenhäuschen wäre offen, um niemanden wecken zu müssen, doch ich hatte Pech: Ich sah das Vorhängeschloss. Ich schlich um die Lodge über die Wiese und am Fenster von Sam und Lis Schlafzimmer. Ich klopfte zaghaft und wartete. Ich war mir nicht sicher, ob es das richtige Zimmer war, an das ich geklopft hatte. Es rührte sich nichts. Es knackte unter meinem Fuß. Ich hatte eine Schnecke zertreten. Zur Angst kam nun auch noch Ekel hinzu und plötzlich zischte es und raschelte es im Gras neben mir und mir fiel der Satz von Sam ein, den er mir tagsüber gepredigt hatte: „ Gehe niemals nachts ins Gras – das ist gefährlich!“ Ich erschrak, sprang ans Haus auf die Steinplatten zurück und klopfte erneut. Diesmal aus immer größer werdender Furcht energischer. Mir standen Tränen der Angst in den Augen. Erleichtert hörte ich Sams Stimme und dann Lis, die gleich herauskam. Kurz erzählte ich ihr, was ich wollte, und sie gab mir das Spray, sowie Besen und Schaufel. Tapfer schluckte ich die Tränen herunter und fragte nicht, ob sie mich hinüber bringen könnte, da sie übermüdet im Bademantel da stand. Ich tapste wieder los. Der Rückweg durch die finstere Gegend war gleich dem Hinweg. Die Hunde konnten mich fast mit Ihrer Schnauze berühren. Doch tatsächlich taten sie außer kläffen und knurren nichts. Wahrscheinlich wunderte sich das halbe Tal, warum die Hunde so einen Krach schlugen, aber es würde keiner beunruhigt hier sein. Das kam vor. Die Hunde reagierten auf alles, was fremd war. Jedes Tier, jedes Moped. Ich kam heil in meinem Zimmer an. Ich atmete tief durch. Nun setzte die Wut ein. Mein Zorn über meine gestörte Nachtruhe, die gefühlte Angst…und alles wegen dieser Ameisen… Ich fing an Lara Croft zu spielen. Ich setzte die Spraydose wie eine Pistole an und sprühte die schwarze verfärbte Wand von oben bis unten ein. Ich machte sie alle mit dem Spray nieder. Sie fielen hinunter wie schnell rieselnder Sand auf einer Düne. Dann kehrte ich sie auf, schmiss sie in den Müll, machte den Ventilator an und die Fenster auf, setzte mich und rauchte eine Zigarette. Ich zitterte immer noch. Aber jetzt war ich auch stolz auf mich. Als ein mittelgroßer Käfer um die Ecke kam, trat ich roh und herzlos darauf. „Dies ist mein Zimmer und ich will jetzt hier schlafen“ sagte ich zu meinem Reich.

 

(25. September 2005, Huai thakkrai / Mae Sapok Thailand / *Namen geändert)

 

 

Kleiner Dorfladen von Mae Si / dahinter war auch mein kleines Zimmer
Kleiner Dorfladen von Mae Si / dahinter war auch mein kleines Zimmer

Kommentar schreiben

Kommentare: 0