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Macht Arbeit überhaupt glücklich?

Hoch die Hände, Wochenende!

Immer wieder höre ich, dass Menschen sich über Ihre Arbeit beschweren. Dass der Montag lediglich niedergeschlagen als Ende des Wochenendes wahrgenommen wird. Dass man bereits am Mittwoch den Freitag herbeisehnt, um die Arbeitswoche endlich hinter sich zu haben. Das Ergebnis: Nur zwei Tage der Woche scheinen als lebenswert zu gelten. Die Arbeitsstunden sind letztendlich nur dazu da, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, die Urlaubskasse aufzufüllen oder für etwas zu sparen, was man sich schon immer anschaffen wollte. Unzufriedenheit mit dieser scheinbar vergeudeten Zeit ist natürlich die Konsequenz daraus. Gewinnspiele wie Lotto, Börsenspekulationen und der anhaltende Hype um TV-Formate, die suggerieren, dass man schnell mit wenig Tun reich werden kann, spiegeln den Wunsch vor allem der jüngeren Generationen wieder, sich das Thema Arbeit im Leben ersparen zu wollen.

 

Ohne „Arbeiten gehen“ ist alles gut?

Ich kann diesen Ansatz nachvollziehen. Ich denke jedoch, dass dies der falsche Weg ist, um ein erfülltes und zufriedenstellendes Leben zu erreichen. Ich denke auch, dass die Annahme, ohne Arbeit wäre alles besser, Irrglaube ist. Im Gegenteil. Ich sehe, dass gerade eine Arbeit einen großen Sinn-Inhalt für unser Leben stiften kann. Hier finden wir Anerkennung, haben eine Aufgabe, erfahren Wertschätzung, entwickeln Selbstbewusstsein, welches Hand in Hand geht mit dem sich immer weiter fortschreitendem Können verschiedener Techniken, Handlungsweisen und Erfahrungen.

Welches Lebensmodell man auch immer gewählt hat, ob eine Partnerschaft, eine klassische Familie, ein sesshaftes Dasein an einem Ort oder eine Pendler-Version, Arbeit ist für eine gesunde Psychologie eines Menschen ebenso existenziell wie ein funktionierendes soziales Umfeld und die Erfüllung der Grundbedürfnisse.

 

Der falsche Job!

Warum sind dann aber so viele Menschen unzufrieden mit Ihrer Arbeit? Unabhängig von Randfaktoren wie situationsbedingten oder persönlichen Befindlichkeiten am Arbeitsplatz betrachtet, liegt das auf der Hand: die meisten Leute machen den falschen Job!

Aber warum? Hier spielen leider gesellschaftliche Einflüsse eine immense Rolle. In meiner Zeit als Marketingleiterin einer Agentur hatte ich häufig mit Auszubildenden zu tun. Gerade bei den Auszubildenden im Bereich Mediengestalter, beobachtete ich, dass die Eignung bei manchen für diesen Beruf nicht vorhanden war. Und zwar nicht nur im Sinne, dass man sich mit Aufgabenstellungen schwer tat, sondern auch, dass man tatsächlich gar keinen Spaß daran hatte, eine Aufgabe in diesem weiten Welt der Grafikerstellung für sich zu finden. Und auf die Frage, warum man diesen Beruf ausüben wolle, antwortete man: Das klang ganz gut. Da kann man dann coole Sachen am PC machen. Und auf die Frage: ob man gern zeichne oder male, bekam ich die Antwort: Nein, eigentlich nicht. Ich kann das auch nicht.

Das man Zeichnen und Malen lernen kann, steht außer Frage, dass nicht alle mit einem Talent von Geburt aus gesegnet sind, ist nicht relevant. Dass man heutzutage alle Arten von Grafiken am PC konstruieren kann, ohne je einen Stift in die Hand nehmen zu müssen, ist auch wahr. Aber das man Spaß an Formen, Optik, Wirkungen, Ästhetik haben muss, die man am einfachsten mit dem Stift in der Hand erfahren kann, sollte man wenigstens schon mal freudig ausprobiert haben. Und dass man etwas gern tut und man Interesse für die dahintersteckenden Möglichkeiten hat, dass sollte doch schon eine Voraussetzung für einen Traumjob sein, oder?

Im weiteren Gespräch mit den Auszubildenden lernte ich die tatsächliche Intension für Ihre Wahl kennen. Der „Coolheits-Faktor“ eines Jobs war eigentlich ausschlaggebend für die Wahl. Je nach Trend sind bestimmte Berufe „cool“ und andere nicht. Diese Bewertung kommt aber nicht von ungefähr, sondern von Medien, der Gesellschaft, dem Staat und sogar von der Familie selbst.

Grafiker, Illustratoren, Kameramänner, Models, Fußballer, Sängerin, Reiseberichterstatter etc. sind zum Beispiel alles tolle Berufe. Sie stehen natürlich auch permanent im Präsentationsmodus. Alles was sie „produzieren“ wird in irgendeiner Form öffentlich und im hohen Maße positiv dargestellt. Ein Model wird immer schön auf dem Foto erscheinen, also muss auch der Job toll sein. Eine Grafik im Marketingbereich hat das Hauptziel Menschen positiv anzusprechen. So ist auch dieser Beruf bestimmt toll. Reiseberichterstatter kann nur gut sein. Er darf überall hinfahren, wo andere Urlaub machen.

Hingegen bei Buchhaltern, Gebäudereinigern, Altenpflegern, Kassierern, Fahrstuhlwartungsinstallateuren, Ticketverkäuferinnen etc. sieht die öffentliche Wahrnehmung ganz anders aus. Es existiert entweder gar keine oder sie entsteht bei negativen Meldungen oder Wahrnehmungen. Kein Buchhalter wird öffentlich erwähnt, solange er seinen Job richtig macht. Ist jedoch eine Buchung falsch, ist das Theater groß. Sind die sanitären Anlagen nicht in Ordnung, eventuell sogar nicht begehbar, wird laut nach der Fachkraft geschrien, aber es ist doch sehr selten, das ein Team der Gebäudereinigung lobende Erwähnung in einem Presseartikel findet, der landesweit erscheint.

Mit diesen Beispielen möchte ich nur oberflächlich andeuten, inwieweit eine Berufswahl von außen beeinflusst wird. Denn genau diese öffentliche Wahrnehmung der unterschiedlichen Berufsgruppen gibt der Jugend das Gefühl, die „guten Berufe“ wählen zu wollen – vollständig unabhängig von eigenen Interessen, Talent und Neigung.

 

Wie erkennt  man die Arbeit, die einem gefällt

Das Berufswahl-Alter ist mit durchschnittlich 18 Jahren nicht unbedingt die beste Voraussetzung, um sich selbst gut genug zu kennen und das Selbstbewusstsein zu haben, sich gegen gesellschaftliche Meinungen zu behaupten.

Wirkliche Glücksmenschen sind die, die bereits in jungen Jahren ihren Berufswunsch entdeckt haben und mit zweifelloser Überzeugung zielorientiert ihren Berufsweg gehen. Und sich dann nach zwanzig Jahren herausstellt, sie glauben immer noch daran, dass dieser Beruf ihr Traumjob ist. Beneidenswert.

Und die anderen? Wie lernt man, welche Arbeit einen ganz tief im Innersten wirklich und dauerhaft zufriedenstellt?

Und hier muss ich die erziehungsgebenden Fraktionen unserer Kinder ansprechen – Eltern, Erzieher und Lehrer:

1.       Lasst Kinder verschiedene Arbeiten tatsächlich ausführen, aber im kompletten Umfang. Nicht nur der   schöne effektvolle Handgriff muss Inhalt der Arbeit sein, sondern auch die Randarbeiten, die   automatische Folge aus ersterem sind.

 Zum Beispiel:

- Beim Malen, werden die Pinsel danach ordentlich wieder gereinigt und weggeräumt.

- Beim Bild aufhängen, muss das Werkzeug wieder gesäubert und verstaut werden, der Dreck entfernt.

- Nach dem Kochen der Topf gesäubert

- Fotografieren – Archivieren der Bilder, Auswahl treffen

- o.ä.

 

2.       Ein Satz, der häufig fallen sollte, liebevoll und dennoch ernst zunehmend:

      Jeder Beruf, jede Arbeit, sei sie noch so schön in der Öffentlichkeit dargestellt, hat eine Kehrseite. Seien es Teilarbeiten, die nicht angenehm oder anstrengend sind, oder öffentliche Konsequenzen mit den man umgehen muss, oder private Aspekte, die ein soziales Miteinander nicht immer vereinfachen. Nur wenn man diese Kehrseite vergessen kann oder sogar dieser etwas Positives abgewinnen kann, besteht die Möglichkeit, dass man den Beruf ein Leben lang gern macht.

 

3.       Nur das ÜBEN, WEITERBILDEN, OFFEN BLEIBEN für den gewählten Bereich macht jemanden zu einem   „Meister“. Und das meine ich im übertragenen Sinne. Jemand, der eine Ausbildung oder Studium   absolviert, diese(s) auch gut abschließt und einen Job findet, sollte im Interesse der eigenen   Fähigkeiten sich immer wieder auf die Suche machen wie die eigene Arbeit verbessert, effizienter   gestaltet, schönere Ergebnisse erzielt oder Wissenswertes entdeckt werden kann. Oder man sollte   einen Beruf wählen, wo statische Wiederholung die Perfektion ist.

 

4.       Eine differenzierte Betrachtung der öffentlichen Darstellung von Berufen beibringen

  

Das sind natürlich keine Garantien, um definitiv einen Traumberuf für sich zu finden. Aber sie unterstützen zumindest eine realistische Einschätzung und fokussieren den Traumberuf-Sucher auf das Wesentliche: Auf sich selbst und die Arbeit.

 

Fazit

 

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Suche Dir einen Beruf, den Du liebst, dann musst Du niemals arbeiten. Ich kann mich dem nur anschließen. Ein Wegfall von Arbeit bedeutet nichts Gutes für uns. Gerade in unserer rapide voranschreitenden Digitalisierung der Arbeitswelt, die uns vieles erleichtert, aber auch den persönlichen Wertschöpfungsprozess in der Arbeit erneut auflöst, wie es bereits das Zeitalter der Industrialisierung getan hat, sollte der Mensch eine Arbeit finden, die sowohl inhaltlich seinen Neigungen entspricht, als auch eine soziale Anerkennung findet. Denn sonst entheben wir uns selbst ganz langsam unserer Bedeutung. Und das macht nicht glücklich. Ebenso wenig wie ein Beruf, der entgegen der persönlichen Neigung gewählt wurde. Hier wird man immer zweitklassig oder mittelmäßig sein und damit nie die gewünschte Anerkennung bekommen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Tilman (Donnerstag, 13 Juni 2019 12:32)

    viel Tiefgang! gut Nachgedacht!
    Ist auch in meinen Augen tatsächlich so.
    Und das Sprichwort bringt es schon auf den Punkt!!!