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Große Katzen

Irgendwo in Südafrika

Vor einigen Jahren landete ich in Südafrika. In Begleitung meines heutigen Mannes Cid fuhr ich zunächst entlang der Gartenroute von Kapstadt über das Königreich Swasiland zum Krüger Nationalpark bis nach Johannesburg in einem nicht mehr ganz neuen Golf GTI. Dieser glänzte weiß in der Sonne, sah irgendwie überhaupt nicht nach Safari aus und wurde uns aber wärmstens empfohlen. Große coole Geländewagen werden nur ausgeraubt! Außerdem käme man auch mit diesem leider gar nicht nach Abenteuer aussehenden Gefährt ganz prima durch die Savannen Südafrikas. Die junge Dame von der Travel Agency sollte recht behalten und da sie uns sehr freundlich auch in allen anderen Belangen informierte, ließen wir uns auf dieses kleine Auto ein. Es legte eine Strecke von knapp 6000km ohne Pannen und Einbrüche zurück. Manchmal auf touristisch sicheren Straßen, manchmal absichtlich und unabsichtlich abkommend vom Wege. Mein Mann fuhr meistens, ich las die Karte und bestimmte, wo wir hielten. Wir hatten keinen weiteren Plan als das Land zu erleben und irgendwann in Johannesburg anzukommen. Dort ging unser Rückflug, aber erst in sieben Wochen.

Wir starteten an der wunderschönen Waterfront von Kapstadt und genossen den zivilisierten Luxus von Stellenbosch. Neben vielen Nationalparks, die wir auf unseren Trip besuchten, hielten wir immer wieder an Orten, die unsere Aufmerksamkeit erregten. Das konnte ein interessantes Hinweisschild sein, ein hübscher Baum, ein potentielles Fotomotiv oder Hunger bedingt einfach nur ein Bistro oder ein Markt Einheimischer, wo man lokale Handwerkskunst und allerlei Lebensmittel anbot.

Nach Port Elizabeth auf dem Weg Richtung Addo Elephant Nationalpark lagen wir so gut in der Zeit, das wir einen kleinen Stop einlegen konnten, bevor wir ein Nachtquartier suchen mussten. Und schon ergab sich die Gelegenheit. Ein altes selbst bepinseltes Holzschild hing schief an einem Maschendrahtzaun: „Crocodile Farm“. Abgesehen von einem unscheinbaren Torbogen und einer Menge ungepflegtem Gestrüpp war nicht viel zu sehen. Wir parkten ab und gingen hinein.

 

Krokodilfarm mit unerwarteten Tieren

Von hohen Mauern umgeben zeigten sich Teiche mit Schlamm und grünem Gras, dazwischen viereckige Becken, wo in grünem Wasser kleine Alligatoren schwimmend umherzappelten. Abgesehen von uns war niemand weit und breit zusehen. So schlenderten wir durch die Anlage und begutachteten die Krokodile in ihren unterschiedlichen Altersstadien. Die Kleinen wirkten noch niedlich und verspielt. Obschon sich in Ihren Augen eine ungeheure Gelassenheit zeigte. Ein Blick, der scheinbar das enorme Alter Ihrer Art widerspiegelte. Ihre schuppenartige Rückenhaut und ihre Bewegungen hatten etwas unglaublich Selbstbewusstes an sich, als würden sie jedem demonstrieren wollen: „Seht her, uns gibt es schon seit Millionen Jahren. Die Natur hat uns richtig erschaffen.“

In den tief angelegten Teichen sahen wir dann die ausgewachsenen Tiere. Monströs wirkende Giganten, die sich kaum bewegten, aber gleichsam alles im Blick hatten, um in Sekunden ihren riesigen Körper explodieren zu lassen.

Beeindruckt von den Tieren liefen wir über das ansonsten eher provisorisch angelegte Gelände. Die Kamera in der Hand schoss ich ein Foto nach dem anderen und blieb plötzlich vor einem hohen Maschendrahtzaun stehen. Dahinter lag die unendliche Sicht auf die Weiten der Savanne. Und dort im trockenen Gras und im ersten Moment nicht gleich erkennbar, lagen nicht etwa weitere Krokodile, sondern ein dutzend Löwen. Sie dösten im zerfledderten Halbschatten kleiner Bäume. Ich war hin und weg. Krokodile sind zwar ohne Zweifel faszinierend, aber ich gebe zu, Tiere mit Fell liegen mir etwas mehr. Da sie keine 20m von uns entfernt hinter dem Zaun lagen, versuchte ich Fotos durch die Maschen hindurch zu machen. Das Objektiv passte gerade durch die Öffnungen, um die Drähte nicht im Bild zu haben. Es waren schöne Tiere. Jung, das sah man an den noch unausgeprägten Mähnen. Manche waren noch so klein wie Welpen und tapsten über die Rücken der Größeren. Wir waren so abgelenkt von den unerwarteten Tieren auf einer Krokodilfarm, dass wir nicht bemerkten, dass sich uns jemand genähert hatte.

„You wanna go inside?“ Uns riss es die Köpfe herum. Vor uns stand ein großer weißer Mann im klischeehaften Rangeroutfit, kantiges Gesicht, von der Sonne gegerbte Haut und ein ironisches Lächeln in den Augen. Fragend und gleichzeitig aufmunternd sah er uns an: „You can do it, if you want.“ Mein Mann war skeptisch, ich nickte begeistert.

Zwei Regeln gab er uns mit: Erstens alle Sachen und Dinge, die an uns herunterhingen, hier draußen ablegen. Zweitens lass deinen Kopf niemals niedriger sein als den des Löwen. Es sind wilde Löwen, keine zahmen. Ich dachte nicht viel nach. Warf die Tasche und Sonnenbrille vor den Zaun und gab dem Mann meine Kamera. Mein Mann beobachtete mich, tat dann das Gleiche, wenn auch eher mit dem Hintergedanken, `Die kannst Du da nicht allein rein lassen`.

Der Mann öffnete das Gatter im Zaun und folgte uns hinein. Ohne Zweifel war das Gewehr über seiner Schulter keine Attrappe. Die Löwen schienen gelassen, aber auch neugierig. Der Mann nickte uns aufmunternd zu: „You can touch them, but be careful and observe the rules! “ Ungläubig sah ich den Mann an. Bekam ich hier gerade mein ganz persönliches Streichelgehege für Erwachsene geschenkt? Kein Gedanke an Vernunft – Ich komme!

 

Achtung, spielende Löwen!

Ein Löwe bewegte sich langsam auf uns zu. Er hatte schon eine Mähne ähnlich einem Irokesenhaarschnitt und wirkte wie ein unbeholfener Halbstarker. Er trat meinem Mann entgegen, sah ihn groß an und legte den Kopf schief. Und dann passierte etwas, das uns bis heute verblüfft. Der Löwe, dessen Schulterhöhe meinem Mann bis über den Bauch ging, schmiegte sich wie eine kleine Hauskatze an Cids Körper und lehnte sich kuschelnd vorbeistreifend an ihn an. Mein Mann hatte zu tun, die Balance zu halten. Nach einer kurzen Wende, wiederholte der Halbstarke sein Verhalten. Es war wie das vergrößerte Abbild des bekannten Rituals einer Katze, die um Futter bettelt und dabei um die Beine streift. Der wachsame Ranger schmunzelte. Während nun Cid der Liebling des großen Löwen schien und dieser inzwischen seine Mähne kraulte, streichelte ich der Reihe nach die anderen, welche sich im Sand genüsslich wälzten. Es schien Ihnen zu gefallen. Jeder wollte an die Reihe kommen. Sie stiegen über sich hinweg, balgten sich nach vorn um in meine Nähe zu kommen. Ich hatte tatsächlich Mühe mein Haupt immer über den Köpfen der Löwen zu halten, aber daran hielt ich mich eisern. Einem Löwen fehlten die Vorderpfoten. Vielleicht um diese Tragik abzumildern, wollte ich ihn besonders viel Aufmerksamkeit schenken. Er kämpfte sich immer wieder nach vorn. Im Augenwinkel sah ich Cid mit seinem halbstarken Schmusekater, der gerade versuchte spielerisch das Knie meines Mannes zu zerkauen. Es passte komplett in das Maul des Löwen. Ein richtiger Biss und es wäre davon nicht viel übrig geblieben. Aber der Löwe biss ohne Kraft wie in ein Wollknäuel und schien sich seiner Möglichkeiten nicht bewusst. Er ließ sich den Kopf immer wieder wegschieben und schnappte wieder vorsichtig zu. Er spielte. Cid und ich sahen uns in die Augen. Es war ein unglaublicher Moment. Wir hatten hier ein Rudel Löwenkinder vor uns, deren Hälfte das Doppelte und mehr von mir auf die Waage brachte und sie schäkerten mit uns als wären wir Artgenossen. Es war nicht zu fassen. Sie benahmen sich in allen Bewegungen und Gesten genauso wie Katzenjunge, nur dass sie um einiges größer und schwerer waren.

Mittlerweile hatte ich zu kämpfen, nicht in das Rudel eingegliedert zu werden. Sie sahen mich als Spielkamerad und überschätzten damit meine Kraft und Stärke. Eine Löwenpranke stützte sich auf meinen Oberschenkel. Sie bedeckte diesen komplett. Das Körpergewicht welches auf ihr lag, während der Löwe versuchte seinen Kopf in meine Hand zu recken, machte die Größendimension deutlich. Ich hätte keine Chance gehabt, mich zu wehren. Und gerade das beeindruckte mich. Sie hätten mir aufgrund ihrer körperlichen Überlegenheit schaden können. Doch sie taten es nicht. Sie taten es einfach nicht. 

Der Ranger gab uns ein Zeichen für den Rückzug. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lang wir bei den Löwen waren. Ob fünf Minuten oder eine halbe Stunde. Jedoch ist es eine Erfahrung für die Ewigkeit, auf die ich heute mit großer Demut und Dankbarkeit zurückblicke.

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