· 

Künstlicher Realismus oder reale Kunst? Ist Ursprünglichkeit die wahre Kunst von heute?

Über Kunst lässt sich bekanntlich schon immer streiten oder auch nicht, wenn es nicht von Interesse ist. Ab wann Kunst Kunst ist, und welche Form von Kunst dahinter steckt, wenn man es als solche anerkennt, ist eher die Frage. Hat Kunst eine Aufgabe? Und wenn ja welche? Dekoratives Anschauungsobjekt, provokative Darstellung politischer Gesinnung, gesellschaftlicher Spiegel, meisterliches Kunsthandwerk oder freie Expression von Emotionalität und Denkweise. Oder sollte sie gar keine Aufgabe haben und tatsächlich nur dem Selbstzweck des Künstlers dienen. Dies würden Aussagen Paul Gauquins (1848-1903): „Kunst ist eine verrückte Suche nach Individualität.“ oder Oscar Wildes (1854-1900) Zitat „Kunst ist ziemlich nutzlos.“ bestätigen. Sind Künstler dann die einzigen ehrlich ausgelebten Egozentriker? Oder trifft eher Aristoteles (284-322 v.C.) Aussage zu: „Die Kunst vollendet das, was die Natur nicht ins Werk umsetzen kann, oder sie ahmt nach.“?

Schon anhand dieser wenigen Fragen erschließt sich die Komplexität dieses Themas. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine klare Beantwortung dieser nicht zu erwarten ist. Die komplexe Gedankenwelt der Menschheit und ihre charakterliche Ausprägung bringen komplett gegensätzliche Antworten hervor.

So bleibt nur eines. Sollte man sich für Kunst überhaupt interessieren, muss man sie genau als das wahrnehmen, was sie faktisch ist und immer war: Ein unendlich großer Pool an darstellerischen Werken unterschiedlicher Techniken, diversen Handwerks und vielfältiger Gestaltungsmittel, der seit Jahrtausenden inhärenter Bestandteil der Menschheit ist. Fing es damit an, dass ein Lehmhaus, eine verzierte Fassade bekam, obwohl dies keinen besseren Nutzen hinsichtlich Wetter und Schutz bot? Begann es mit Keramiken, die nicht nur die Flüssigkeit bewahren sollte, sondern auch schön anzusehen war? Oder sollte sie aus den herkömmlichen Keramiken hervorstechen? War das erste in Ton geritzte Muster Ausdruck von Individualität? Höhlenmalerei, ein Ausdruck von Selbstdarstellung, um über den Moment des Erlebens hinaus zu existieren, in Erinnerung zu bleiben?

Die Alten Meister wie Raffael, Rembrandt und Dürer stehen mit ihrer Kunstfertigkeit häufig an erster Stelle für wahre Kunst. Dies liegt für den Laien häufig an der naturgetreuen Darstellung und dem Wissen Techniken anzuwenden, die bestimmte Aspekte eines Bildes wie Lichtdarstellung, Hautbild und Faltenwurf haptisch erlebbar werden lassen. Der Perfektionsgrad dieser Nachahmung von Realität scheint auch der Maßstab für die Bezeichnung Kunst zu sein. Ohne Zweifel ist hier der Kunstbegriff jedoch hauptsächlich auf zwei Ebenen anzutreffen. Die Kunst der Geduld und des handwerklichen Wissens. Werke wie Raffaels Sixtinische Madonna oder Da Vincis Mona Lisa brauchten Jahre der Fertigstellung und waren vollkommen konzeptionell komponierte Auftragswerke. Sicherlich ist eine subjektive Interpretation des Künstlers in die Darstellung eingegangen, aber von expressiver Ausdrucksweise kann keine Rede sein.

Die Meister der Moderne und auch der zeitgenössischen Kunst lösten sich mehr und mehr von der naturgetreuen Wiedergabe. Der Impressionismus, der Expressionismus und der Kubismus lösten die Wirklichkeit immer mehr in Abstraktion auf. Jede Auflösungsform hatte ihre eigene und frei interpretierbare Wirkung. Gleichzeitig stellte sich hier zum ersten Mal wirklich die Frage „Ist das Kunst?“ Kann nicht jeder durcheinander gewürfelte Quadrate oder Kleckse á la Miró oder falsche Perspektiven wie Picasso malen? Oder bieten Malewitsch „Weiße Quadrate auf weißen Grund“ irgendwelche Hinweise auf künstlerisches Können? Oder wurde in diesem Augenblick einfach der Kunstbegriff auf eine neue Ebene gehoben, um sich abzuheben von der tatsächlich wirklichkeitsnahen Darstellung der aufkommenden Fotografie? Hier ist nicht der kunsthandwerkliche Aspekt das ausschlaggebende Kriterium  für den Bewertungsmaßstab eines Kunstwerkes, sondern die Idee an sich. Das Selbstbewusstsein des Künstlers, die Einfachheit in ihrer reinsten Form darzustellen, einem Quadrat mehr Bedeutung zu geben als dieses hat. Zumindest für die meisten Menschen.

Auch Pollocks expressive Kleckstechniken lassen nach künstlerischen Können beim Entstehungsprozess fragen. Betrachtet man seine Bilder offen, wird man sich ihrer Wirkung aber definitiv bewusst, ob es einem gefällt oder nicht. Sie haben eine. Ist das Kunst? Eine Wirkung zu erreichen, eine emotionale Regung lediglich durch farbige Pinselstriche auf einer leeren Leinwand ausgelöst? Spätestens seit den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts spielte die politische Provokation in der bildnerischen Darstellung eine offensichtlichere Rolle. Themen wie Krieg, Emanzipation, Gewalt, Rassismus oder andere polarisierende Themen wurden von verschiedenen Künstlern in den unterschiedlichen Kunstformen dargeboten oder vielmehr aufgeworfen. Aufmerksamkeit für einen Diskurs erreichen oder klare Gesellschaftskritik wurde eine Aufgabe der Kunst und ist es für viele noch bis heute.

Die Malerei, die Fotografie, der Film, die Musik, das Theater und nun auch die Vermischung dieser einzelnen Bereiche durch die digitale Entwicklung unserer Zeit bieten immer mehr individuelle Ausdrucksweisen. Eine klare Epochenzuordnung ist kaum mehr möglich. Heute können wir gleichzeitig altmeisterlich gemalte Figuren vor digital realisiertem Hintergrund animiert erleben, als auch naive Malerei auf Hauswänden bewundern.

Im Zeitalter der Digitalisierung scheint die Darstellung der Wirklichkeit wieder ein hohes Maß für Kunstwert zu sein. Bereiteten Disneys erste bewegte Zeichentrickfiguren aus den 1930er/40er Jahren noch Freude mit ihrer „Auferstehung“, obwohl  oder gerade weil klar war, dass sie nicht real, sondern gezeichnet waren, sind wir dank digitaler Software in ganz anderen Dimensionen angekommen. Unreales wirklich erscheinen zu lassen wie Fantasiewesen durch einen Himmel fliegen oder die Simulation des Universums, lässt sich heute mittels entsprechender Software am Computer mit und ohne viel Aufwand umsetzen. Der Wow-Effekt des Betrachters ist nahezu garantiert, vor allem, wenn er nicht aus der Branche ist. Die Kunst einen Wasserfall so sprudeln zu lassen, das dieser zu einem Schriftzug zusammenfließt, einen Nebel in figürliche Rauchschwaden aufzulösen oder vorsintflutliche Ungeheuer zum Leben zu erwecken, ist keine expressive oder handwerkliche Kunst mehr. Es ist die Kunst, die richtige Taste auf einem PC zu drücken oder zu wissen, wo und wie welches Softwaretool oder Plugin, welchen Effekt auslöst. Auch hier ist ungeheures Wissen, konzeptionelle Herangehensweise und Geduld der ausschlaggebende Faktor bei der Entstehung eines Werkes. Aber ist dies immer noch Kunst? Hier besteht Aristoteles Aussage: Die Kunst vollendet das, was die Natur nicht ins Werk umsetzen kann, oder sie ahmt nach.“

Und dennoch bleibt ein Rest Sehnsucht nach Ursprünglichkeit im Kunstgedanken. Der Geruch echter Materialien und natürlicher Farben, die wirklich fühlbare Haptik einer Oberfläche, der Klang eines Flügels, der in einem Saal steht und von den Fingern eines Virtuosen live gespielt wird. Der Baum, der im Wald einfach so gewachsen ist, wie die Natur es wollte – ohne künstlichen oder künstlerischen Einfluss. Nach wie vor kommt keine menschliche Kunstform dieser freien Entfaltung von Individualität und Schöpfung der Natur nahe. 

Sixtinische Madonna (Raffael), Les Demoiselles d´Avignon (Picasso), Weiße Quadrate auf weißen Grund (Malewitsch), Disneys "Schneewittchen" (hier Skizze von Steve Thompson)
Sixtinische Madonna (Raffael), Les Demoiselles d´Avignon (Picasso), Weiße Quadrate auf weißen Grund (Malewitsch), Disneys "Schneewittchen" (hier Skizze von Steve Thompson)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0